Familiengeheimnis


Noch immer birgt das Dorf, in dem sie geboren und neunzehn lange Jahre aufgewachsen ist, viele Geheimnisse für Bettina.
 
Sie sitz am Grab ihrer Mutter auf dem Friedhof, der einst nach weit draußen auf eine kleine Anhöhe verbannt worden war. Wie immer fegt ein eisiger Wind zwischen den Grabsteinen hindurch. Ihr Vater stellt die Gießkanne ab und setzt sich neben sie.
„Hochs gseh?“ sagt er. „S’Grab vun dä Urgroßmutter isch jetzt o abgeromt.“
Bettina nickt bedächtig. „Ja“, antwortet sie, „i hab’s gseh. Du, Vadder“, fährt sie fort, „ich weeß so wenig vun dä Uroma. Kannsch mr nät ä bissle was verzehle?“
Das Gesicht von Bettinas Vater, der nach dem Tod seiner Frau nur noch in der Vergangenheit zu leben scheint, hellt sich auf. Er
rückt sich auf der Bank zurecht und greift sich an den faltigen Hals. Auf Bettina wirkt es, als ziehe er eine imaginäre Krawatte zurecht. Vielleicht eine Gewohnheit aus den Tagen seines über vierzig jährigen Berufslebens, in welchem er eine solche tragen musste.
„Also“, beginnt Bettinas Vater bedeutungsschwer. „Dei Urgroßmutter, des wor for ihr Zeit scho ä recht moderni Fro. Sie hot jo, nachdem dä Mihl-Anneres, ihr Mo, so früh gstorbe wor, s’Annele, also dei Oma, un dä Oskel ganz ällee uffgezoge. Un stolz wor die. Die hott kee fremdi Hilf ogenumme. Sie hott d’Krone gführt un d’Kochschul.“
Bettinas Vater legt eine Pause ein. Er putzt gedankenverloren seine Brille.
„Un dann isch d’Urgroßmutter mit dä Ella schwanger wore.“ „Wer woren eigentlich dä Ella ihrn Vadder?“ will Bettina wissen.
„Ha, weesch du des no nätt? Des wor dä alt Pfeffer, der gottverboddene Schürzejäger. Keen Rock wor vor dem sicher.“
„Dass die Uroma sich uff so een eigelosse hott“, wirft Bettina ein.
Ihr Vater erklärt: „Also, ich hab gheert, da ss der d’Urgroßmutter so lang bedrängt hott, bis sie nochgewwe hott.“
„Un zack wor sie schwanger!“ entfährt es Bettina.
„Du seichschs!“ bestätigt ihr Vater.
Bettina steht auf, geht zum Grab der Mutter und pflückt ein paar verwelkte Blüten aus den Ewiglieb-Pflänzchen.
„Du, Vadder“, fragt sie weiter, noch während sie gebückt über dem kleinen Beet steht. „Dass d’Uroma sich dann iwwerhaupt ä Haus hott leiste könne. Hott die Krone so viel abgeworfe?“
Bettinas Vater winkt mit der ihm nach dem Krieg noch verbliebenen rechten Hand entschieden ab. „Babbel nätt“, entfährt es ihm,
„des wor Schweigegeld.“
Irritiert setzt sich Bettina wieder neben den alten Mann. „Schweigegeld? For was denn und vun wem?“
„Ha, vum alt Pfeffer! Es hott jo niemand von dem Ergebnis seinere Eskapade ebbes wisse derfe. Deshalb hott er dä Uroma des
Haus in dä Ringelgasse geschenkt. Zum Maul halte, verstehsch?“
‚Sodom und Gomorra’, schießt es Bettina durch ihren katholischen Kopf. Und sie erinnert sich an den Eintrag im jüngst erschienenen Heimatbuch: <<…eröffnete sie in der Hauptstraße 72 einen Kolonialwarenladen, den sie nach dem Erwerb des Hauses Ringelgasse 4 dort weiter führte.>>
Nach dem Erwerb… Bettina ist ganz gefangen in den Gedanken an ihre Urgroßmutter. Sie hat das einzige Foto von ihr vor Augen, auf dem sie vor besagtem Haus steht und über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift Handlung von Anna Schell prangt.  Etwas verlegen sieht sie aus in ihrer weißen Schürze mit gestärkter Spitze, die rechte Hand in der Schürzentasche, die linke hinter dem Rücken versteckt. Im Schaufenster erahnt man die Auslegeware und in den Blumenkästen grünt es.
Drei Generationen führen die Handlung, in der auch Bettina bei dä Schelle-Tante Rama, Kaba, Caro-Kaffee oder Erbswurst eingekauft hat. Zur Belohnung gab’s ein Eistörtchen. Wenn d’Schelle-Tante gut gelaunt war, auch zwei. Mal seh’n!

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