Früh übt sich


© Christa Krämer 2007


Früh übt sich, oder auch „Priestern“ will gelernt sein

Eine fast authentische Geschichte
von Christa Krämer
 
Valentina kauert auf ihrem Stuhl und stochert lustlos in ihrem Essen herum. Es ärgert mich, denn ich habe mir solche Mühe gegeben, habe gut eine Stunde pfeifend und singend beim Kartoffel Schälen, Gemüse Putzen, Fleisch Brutzeln zugebracht. Den
kleinen runden Kopf mit den pechschwarzen Haaren in die linke Hand gestützt, schiebt sie eine Erbse nach der anderen auf ihrem Teller hin und her. Sie mag dochErbsen. Das weiß ich genau.
 
Draußen vor der Balkontüre bewegen sich die lila Trauben eines Fliederbusches auf und ab. Ich denke an jene Sonntage, als ich, wie Valentina, lustlos vor meinem Teller mit breiten Nudeln, Rinderbraten und dicker brauner Soße saß und keinen Bissen hinunter bekommen habe.
 
„Du isst wie ein Spatz“, schalt mich meine Mutter. „Wie soll je etwas aus dir werden, wenn dir jetzt nicht mehr mal die leckeren Bauschert-Nudeln schmecken!“ Mein Gott, wie gerne hätte ich diese Nudeln gegessen. Aber mein kleiner Bauch war ja schon voll. Meine Mutter, deren Blick nichts zu entgehen schien, bemerkte natürlich sofort, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Sie schnaubte missbilligend und zog mir den Teller fort.
„Jetzt heul’ bloß nicht schon wieder!“
Ja, ja, ich weiß, ein anständiges Kind heult nicht wegen jeder Kleinigkeit. Nein, es
heult überhaupt nicht. Heulen zeugt von Schwäche.
 
Valentina rutscht von ihrem Stuhl und macht es sich auf meinem Schoß bequem.
 
Über ihre Schulter hinweg sehe ich ihn wieder vor mir, meinen zwei Jahre jüngeren Bruder. Schon damals konnte er sich nichts anderes vorstellen, als später einmal Priester zu werden.
 
„Was hast du hinter deinem Rücken versteckt?“ fragte ich ihn. Reinhold grinste verschwörerisch. „Wenn du mit ins Wohnzimmer kommst, zeig’ ich’s dir.“
„Nicht schon wieder“, dachte ich und wollte mich rasch durch die Haustüre hinaus in
den Garten davonschleichen.
 
Noch heute klingt sie mir in den Ohren, die Sirene, die dann losging.
„Mama, die Christa will nicht mit mir spielen!“
„Du Ekel, du elendiges! Du Petze! Du Mamasöhnchen“ durchfuhr es mein kleines Gehirn. Denn schon stand Mama auf der Matte und stellte sich hinter ihren Liebling.
„Sei vernünftig, Christa. Und denk immer dran: der Klügere gibt nach.“ Genau, Mama, der Klügere gibt nach. Und bleibt sein Leben lang ein Verlierer, schießt es mir in diesem Augeblick durch den Kopf.
 
Valentina rüttelt an meinem Arm. „Darf ich Oblaten essen, Mama? Bitte?“ Sie neigt ihr Kleinkindköpfchen zur Seite und blickt mich charmant bettelnd an. „Wenn es unbedingt sein muss“, sage ich und lass sie springen.
Was sie bloß an diesen faden Dingern für einen Narren gefressen hat. Ich habe den Geschmack, der eigentlich keiner ist, mit Widerwillen auf der Zunge, wenn ich nur daran denke.
 
Meistens musste ich spielen, was Reinhold vorschwebte. Dies vor allem sonntags, wenn der Großteil der Familie den Gottesdienst besuchte. Noch heute kann ich gut beschreiben, wie es damals in unserem Wohnzimmer aussah. Samstags war Großputztag. Kein Stäubchen funkelte in den Strahlen der Frühlingssonne. Die beigen und braunen kleinen Kissen waren ordentlich aufs Sofa drapiert, ihre Ecken zeigten spitz nach oben zur weißen Zimmerdecke. Als ob man Eselsohren lang gezogen hätte. Im ganzen Raum duftete es nach gartenfrischen Blumen. Ein Häkeldeckchen lag quer über dem Nierentisch. Neben Papas Sessel stand sein Aschenbecher, ein Messingschälchen auf hohem Fuß, in das er samstagabends lässig seine HB abklopfte. Am Sonntag morgen war auch der Aschenbecher sonntagsfrisch blankpoliert.
 
Ich erinnere mich auch noch genau, wie Reinhold diesen Aschenbecher nahm und ihn neben die Wohnzimmertür stellte. Klammheimlich hatte er die Weihwasserflasche aus Omas Nachttisch stibitzt und den Aschenbecher damit aufgefüllt. Er hatte das
Kindertischchen aus der Küche geholt, das Häkeldeckchen darüber geworfen, die Blumenvase dazu gestellt und das Versehkreuz mit den beiden Kerzenleuchtern in die Mitte platziert. Ein schneller Blick durch die einen Spalt breit geöffnete Tür – die Luft war rein. Schwuppdiwupp zog er die mir verhasste blau-weiße Schachtel unter seinem Pullover hervor und leerte den gesamten Inhalt, fünfzig blasse Oblaten, in einen unserer Dessertteller.
 
„Los!“ kommandierte er. „Du musst jetzt nach draußen gehen.“ Augenzwinkernd fügte er hinzu: „Du weißt schon.“ Und ob ich wusste!
 
Augenblicklich sehe ich mich mindestens zehn Mal die Türe hereinkommen, meine Finger in Papas Aschenbecher-Weihwasserbecken tauchen, fühle, wie ich mich bekreuzige, wie ich mich zwei Schritte nach vorne schleppe und in einer von Mal zu
Mal weniger andächtigen Kniebeuge versinke. Nein, nein, nein, mit nur einem einzigen Kirchenbesucher gab sich mein fünfjähriger Abraham a Sancta Clara nicht zufrieden. Das wäre ja langweilig gewesen, auf so wenige Leute seine Strafpredigten niederprasseln zu lassen. Also: Tür auf, Tür zu, Weihwasser, Kreuzzeichen, Kniebeuge. Morgengymnastik schadet auch einem siebenjährigen Mädchen nicht.Und dann schließlich die Kommunion!
 
Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre lang ich noch von Horden von Oblaten geträumt habe, die hinter mir herrollten und mir ununterbrochen zuriefen: „Iss mich, ich bin der Leib Christi! Iss mich, ich bin der Leib Christi!“
Unwillkürlich muss ich an Reinholds kleine dicke Finger denken, die mir „den Leib Christi“ in den Mund schoben, bis mir kotzübel wurde und sie mir zu den Ohren heraushingen.
 
„Essen ist fertig!“ Jäh beendete dieser Ruf Reinholds Andacht. Mal ehrlich, wer hat da noch Lust auf Nudeln?

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