Gib mir zu trinken


 © Christa Krämer, Stuttgart, 2009


Gib mir zu trinken!

Eine Erzählung von Christa Krämer nach Joh 4, 1
 
Dina bückt sich zu dem tönernen Krug, der in einer dunklen Ecke ihrer Hütte steht. Sie packt ihn bei beiden Henkeln und schüttelt ihn. „Schon wieder kein Wasser mehr da!“ stöhnt sie und hievt den Krug auf ihren Kopf. Es ist um die sechste Stunde und die Sonne brennt heiß auf den kleinen Ort in Samarien. Mit wiegenden Hüften wandelt Dina den staubigen Weg entlang, der aus Sychar
hinauf zum Jakobsbrunnen führt. Sie denkt an den Traum, den sie letzte Nacht hatte und schüttelt, noch immer verwundert, den Kopf. So oft muss sie dieser Tage Wasser holen, dass sie diese anstrengende Arbeit bis in ihre Träume hinein verfolgt. Noch einmal flimmern die nächtlichen Bilder in ihren Augen:
Sie senkt das Schöpfgefäß tief in den Brunnen und füllt das er frischende Nass in ihren Krug, als ein Mann hinter der großen Zeder, die dem Brunnen Schatten spendet, hervortritt. Neugierig blickt sie ihn an, denn der Mann ist Jude. Sie erkennt ihn an seiner Kleidung. Er trägt weder das für einen Samariter typische weiße Gewand noch den purpurnen Fez. Dina kokettiertgern mit ihren weiblichen Reizen. So schenkt sie auch diesem Juden ein verführerisches Lächeln. Einen Juden habe ich noch nie gehabt, denkt sie und schämt sich sofort für diesen sündigen Geistesblitz. Sechs Männer hatte sie gehabt und war doch mit keinem glücklich geworden. Der Jude verzieht zunächst keine Miene. Träge tritt er näher. Dina kann ein seltsam tiefes Leuchten in seinen dunklen Augen erkennen. Eine ihrer dunkelbraunen Locken rutscht aus ihrer Kopfbedeckung. Ganz langsam schiebt sie diese wieder unter den weichen Stoff und richtet erneut einen aufreizenden Blick auf den Juden. Ein fast mitleidiges Lächeln schleicht sich in seine Mundwinkel. „Willst du mich verführen?“ fragt er geradeheraus, lässt Dina aber keine Chance zu antworten, sondern fügt augenblicklich hinzu „Gib mir zu trinken!“ ‚Na, der ist mutig’, denkt Dina. Sie weiß, dass sie eigentlich nicht antworten sollte. „Du bist Jude, nicht?“ fragt Dina und schöpft erneut tief im Brunnen. Der Fremde lächelt. „Ja, und?“ fragt er zurück und setzt sich auf einen großen Stein. Dina tänzelt heran und lässt sich zu seinen Füßen nieder. „Es wundert mich, dass du mich um Wasser bittest“, fährt sie fort. „Weißt du nicht, dass Juden und Samariter sich nicht grün sind?“ „Gib mir zu trinken!“ sagt der Jude erneut.
„Ich habe großen Durst“, fügt er hinzu, und er legt seinen Blick auf Dina, als sähe er mehr als nur ihre äußere Hülle. Dina, sonst frech und burschikos, ängstigt sich ein wenig. „Aber du bist Jude!“ ruft sie beinahempört. Der Jude greift ihr unters Kinn und sagt: „Ach, Frau, wenn du wüsstest, wer dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Dina eilt zum Brunnen und kehrt mit dem gefüllten Schöpfgefäß zu dem Fremden zurück. Sie schnuppert daran und meint: „Unser Wasser ist lebendig. Schon unser Vater Jakob hat daraus getrunken. Hier riech und koste, es ist nicht faulig! Es schmeckt frisch und gut.“ Auffordernd hält sie ihm das Gefäß hin. „Wie ich sehe, hast du kein Schöpfgefäß bei dir. Wie willst du mir also von dem lebendigen Wasser geben?“ Der Jude nimmt das Schöpfgefäß in seine Hände und streckt es Dina entgegen. „Wer von diesem Wasser hier trinkt“, erwidert er, „der wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben.“ ‚Nie mehr Durst?’ Dina reibt sich nachdenklich ihr Kinn. Erfreut springt sie auf. „Dann gib mir dieses Wasser, Herr!“ Und weiter denkt sie, denn sie ist sehr pragmatisch veranlagt: ‚Diese lästige Schlepperei hab’ ich schon lange satt.’
 
An dieser Stelle des Traums ist Dina aufgewacht. Sie erinnert sich jetzt, dass sie entsetzlich durstig war, sogleich zu ihrem Krug gestürzt ist und mehrere Becher Wasser hinunter geschüttet hat. Aber der Durst wollte nicht weichen. Sie erreicht den Brunnen. Dina stellt ihren Krug ab und senkt gerade das Schöpfgefäß in die Tiefe, als eine Stimme sie bittet: „Gib mir zu trinken!“ Ein Schrei löst sich aus Dinas Kehle. Die arme Frau erschrickt derart, dass sie herumwirbelt und einen erfrischenden Regen über den niederlässt, der sie bittet. „Wer bist du?“ ruft sie voller Angst. „Wieso bittest du mich um Wasser?“ „Du hast recht“, antwortet der Fremde. „Ich werde dir Wasser geben, und dieses Wasser, das ich dir gebe, wird dir zur sprudelnden Quelle, deren Wasser
ewiges Leben schenkt.“ „Jetzt weiß ich’s“, flüstert Dina, „er ist ein Prophet. Er muss ein Prophet sein, sonst hätte er mich nicht im Traum besucht.“ Dina wendet sich dem Fremden zu. „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet. Ihr Juden aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Sag mir, wer hat recht?“
„Glaube mir, Frau“, antwortet der Fremde, „die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die
Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“
Dina weiß nicht, wie und ob sie darauf reagieren soll. Diese Rede des Juden ist ihr einfach zu hoch. Sie will aber nicht, dass der fremde Mann, von dem sie sich, wie im Traum, angenehm angezogen fühlt, sie für dumm hält. Deshalb sagt sie: „Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist der Gesalbte. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.“
Die Samariterin hat zwar keine Vorstellung davon, was „alles verkünden“ bedeuten soll und warum ihr ausgerechnet dieser Satz jetzt in den Sinn kommt. Doch so steht es in den Heiligen Büchern geschrieben, also muss es wahr und bedeutsam sein. Dina blickt
dem Fremden fest in die Augen, die sie zu bannen scheinen. Erst lächelt er. Doch dann wischt er das Lächeln von seinen Lippen und senkt seinen brennenden Blick in den ihren. „Ich bin es“, sagt er mit fester Stimme. „Ich, der mit dir spricht.“
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