Wie Weihnachten entstand


© Christa Krämer, Stuttgart 2008


Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft,
und sie empfing vom Heiligen Geist.
Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn;
mir geschehe nach deinem Wort.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt.

Wie Weihnachten entstand – möglicherweise

Erspürt von Christa Krämer

 

„Oh, mein Gott!“ mit einem kleinen Schrei schreckte Maria aus ihren Träumen auf. Oder war es gar kein Traum? Ängstlich blickte sie sich in ihrer Kammer um. Sah sie da nicht noch einen schwachen Lichtstrahl unter der Tür entweichen? Ein Wesen ganz aus goldenem Licht hatte vor ihrem Nachtlager gestanden. Maria dachte an Engel. Ganz seltsam hatte das Wesen sie begrüßt. „Keine Frau ist gesegnet wie du“, lauteten die Worte. Und dann hatte es ihr gesagt, dass sie bald schwanger sein würde. Wie war Maria über diese Worte erschrocken. „Ich bin doch noch gar nicht mit Joseph verheiratet!“ hatte sie gerufen und weiter gedacht: ‚Lieber Joseph, wirst du mir das antun? Kannst du etwa nicht mehr an dich halten? Das kann ich kaum glauben! Du warst doch bisher so geduldig.’

Der Engel, denn nun war Maria davon überzeugt, dass es einer war, lächelte. Maria war, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. „Mach dir keine Sorgen Maria“, fuhr er in seiner Rede fort. „Joseph wird dich nicht berühren. Er wird nicht der Erzeuger deines Kindes sein.“

Jetzt erschrak Maria noch mehr. Ihre großen dunkelbraunen Augen weiteten sich entsetzlich. „Was erzählst du mir da?“ entgegnete sie dem Lichtwesen. „Ich werde ganz bestimmt nicht mit einem anderen Mann schlafen!“ Sie war schließlich ein anständiges Mädchen.

Wieder lächelte der Engel nur. Maria spürte eine Wärme auf ihrer Schulter, als ob eine Hand darauf läge. Der Engel sprach weiter: „Das musst du auch nicht.“

Maria schüttelte den Kopf: „Und wie, bitte schön, soll ich sonst schwanger werden?“ Klar, dass so ein Engel keine Ahnung davon hat.

Der Engel lächelte abermals. ‚Ach, diese Menschen!’ dachte er. ‚Da geben sie vor, an Gott zu glauben und wissen doch nicht, was er alles bewirken kann.’ Fast ein bisschen bemitleidend blickte er Maria an und sagte zu ihr: „Du musst keine Angst haben, und es wird auch gar nicht weh tun. Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“

„Der heilige Geist wird über mich kommen, der heilige Geist…“, wiederholte Maria mit einem Zittern in der Stimme. Ein Schaudern fuhr ihr in alle Knochen, als sie sich vorstellte, wie ein Geist von ihrem Körper Besitz nahm. Trieb man Geister nicht aus, wenn sie so etwas taten? Und nun sollte ausgerechnet der heilige Geist über sie kommen. Maria bekam trotzdem Angst. Wie sollte sie sich das vorstellen?

Der Engel wurde allmählich ungeduldig. Am liebsten hätte er zu Maria gesagt: „Jetzt mach dir doch nicht gleich ins Hemd!“ Doch er wusste, dass er nach seiner Rückkehr dann bestimmt wieder Ärger im Himmel bekommen würde. Also riss er sich zusammen und meinte so freundlich es gerade noch ging: „Maria, es besteht wirklich kein Grund zur Sorge.“

„Aber…“, rief Maria ihm dazwischen.

„Nichts, aber“, entfuhr es dem Engel etwas lauter, als er beabsichtigte. Aufgeregt flatterte er jetzt mit seinen Flügeln. „Lass mich doch mal ausreden. Ich bin ja noch nicht fertig mit meiner Botschaft.“ Dass die Menschen immer dazwischen reden mussten. Konnten die nicht warten, bis er alles heruntergebetet hatte, was man ihm an höchster Stelle aufgetragen hatte? Es war schließlich nicht so einfach, sich den Inhalt auf dem Weg von oben nach unten zu merken. Außerdem hatte er gerade begonnen, mit seinem Freund Rafael eine Partie Wolkengolf zu spielen, als er für diesen Botengang abberufen wurde. Der Engel wollte schleunigst wieder zurück.

„Entschuldigung!“ flüsterte Maria scheu und zog ihre Schafwolldecke bis unters Kinn.

Der Engel schwebte ein Stückchen höher und sagte: „Du musst noch wissen, dass du einen Sohn bekommen wirst. Der soll Jesus heißen. JESUS“, wiederholte er langsam, laut und deutlich. Dann beugte er sich näher zu Maria und blickte sich verstohlen um, ehe er hinzufügte: „Und ich sag’s dir gleich, Mädchen: Du wirst es nicht einfach mit diesem Knaben haben. Denn der wird Sohn des Höchsten genannt werden und ganz schön für Unruhe sorgen.“

„Oh, mein Gott!“ hauchte Maria.

„Du sagst es“, bestätigte der Engel.

Nach diesem nächtlichen (Traum-)Besuch machte Maria kein Auge mehr zu. Sohn des Höchsten, Unruhe…. „Lieber Gott“, betete sie, „kann ich nicht einfach ein ganz normales Kind bekommen? Eines, das Zimmermann wird wie Joseph und nicht für Unruhe sorgt? Eines, auf das ich stolz sein kann?“ Maria konnte sich gut vorstellen, was die Ankündigung des Engels bedeuten würde. Bestimmt würde Jesus durch die Lande ziehen, die Menschen aufwiegeln und sich mit den Römern anlegen. Wenn’s hoch kommt, womöglich noch mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Wer weiß, was dann passieren würde? „Bitte, lieber Gott“, betete sie inbrünstig weiter, „ich möchte ja nicht ungehorsam sein und verspreche dir, dieses Kind zu gebären. Versteh’ aber doch: keine Mutter möchte erleben, dass ihr Sohn mit dem Gesetz in Konflikt gerät.“ Verstohlen wischte sie sich die Tränen weg, die sich in ihre Augen verirrt hatten.

 Am nächsten Morgen sah Maria sehr müde aus. Sie hatte alle Mühe, wach zu bleiben, als sie sich gegen Abend mit Joseph traf. Sehr schweigsam saß sie neben ihm. Sein Geplapper plätscherte an ihr vorbei.

„Maria, hörst du mir zu?“ wandte sich dieser auch schon an seine Verlobte.

Die junge Frau drehte sich verlegen zur Seite, denn sie spürte, dass sie rot wurde. ‚Lieber Joseph, wenn du wüsstest, was mir gerade durch den Sinn ging’, dachte sie. Sie hatte sich nämlich vorgestellt, ob es nicht wesentlich angenehmer wäre, sich augenblicklich von Joseph schwängern zu lassen, anstatt zu warten bis der heilige Geist „über sie käme“. Joseph, dem nicht entging, dass etwas Marias Herz schwer bewegte, hakte nicht weiter nach. Er nahm sie einfach in seine Arme und streichelte ihr sanft über ihren Kopf. Er wusste, dass sie es ihm schon noch eines Tages verraten würde.

Wenig später, Maria saß gerade neben dem Feuer und knetete nachdenklich einen Brotteig, wurde sie von einem milden Säuseln berührt. Sie meinte, ganz schwach einen Schatten bemerkt zu haben und eine tiefe Zuversicht zog ein in ihr Herz. Langsam schloss sie die Augen und horchte und fühlte. Instinktiv legte sie eine Hand auf ihren Unterleib. „Ich werde dich sehr lieb haben, Jesus!“ sagte sie. Denn sie wusste, dass der Augenblick, von dem der Engel gesprochen hatte, nun gekommen war. „Vielleicht wirst du auch zu Ruhm kommen“, überlegte sie weiter, „und die Menschen werden dir zu Ehren Feste feiern.“

Nicht nur solche Hoffnung, auch viele Ängste machten sich breit in Marias Gedanken. Wie sollte sie auch wissen, dass selbst nach über 2000 Jahren die Menschen auf der ganzen Welt noch immer ungeduldig dem Geburtstag ihres Sohnes Jesus entgegenfiebern!



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