Nachtmär


Nachtmär in:

Dinge, die des Nachts poltern. Eine Anthologie, Halle 2010, Projekte-Verlag Cornelius GmbH

ISBN 978-3-86237-243-0


© Christa Krämer 2008


(fotograhiert und verfasst im Morgennebel des 2.10.2008)

Mir ist, als schwebte wer durchs Zimmer
und ließ sich nieder auf mein Bett.
Bist du’s, der im schwarzgrauen Flimmer,
gekrochen bist aus dem Versteck?
Ein Goldhauch streichelt meine Wange.
Ich wage keinen Fingerstreich.
Soll ich noch atmen? Wird mir bange?
Ein bisschen ist mir engelsgleich.
Komm näher, zeig dich mir, du Seele!
Wie oft schon hab ich dich erfleht.
Die Wunder, die der Nacht ich stehle,
sind sie nicht fast schon ein Gebet?
Sanftleise raschelt nun mein Laken
und Wärme strömt in meinen Bauch.
Da spür ich Zweifel in mir nagen.
Und du? Du löst dich auf in Rauch.
Dem Nebel will ich noch nicht gleichen,
der unter meiner Tür entflieht.
Zwar könnt ich dich mit ihm erreichen,
doch weiß ich nicht, was dann geschieht.
Noch fesselt Angst mich an dies Leben.
Das Ewige, wie fühlt man es?
Noch ist mir zu viel Irdisch gegeben,
dass ich die Nacht im Nu vergess’.
Rotgolden gleitet durch Sonnenbahnen
ein Engelsflügel, dieses Blatt
und lässt mich dich nur noch erahnen
in deiner letzten Ruhestatt.
Ich seh’ den Stein mit deinem Namen
und atme stillen Herbstesduft.
Was ist es, was sie einst mir nahmen
und fröstelnd ruht in dieser Gruft?
Kaum wohl ist’s dies, was mich umwoben
nächtens unter Geistertanz.
Ach, komm noch einmal doch geflogen,
dann will ich mich dir geben ganz.
Ein Kiesel klopft an meine Zehen,
ich dreh mich um und bin erstaunt,
als eine Alte, kaum zu sehen,
mir in mein Dichterohr nun raunt:
„Was suchst du hier im Reich der Toten?
Eile dich, sie warten schon,
die Wörter all, die bunten, die roten,
dass du sie bannst in deinen Ton.“
Aufgewühlt folg ich den Wegen,
witt’re eine wage Spur.
Dichterherz, du bist ein Segen!
Wann begreift die Welt es nur?


Print Friendly


Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*
Website