Jagdfieber


Jagdfieber in:

RUHE-STAND. Wie sich Erinnerung selbst erfindet. Eine Anthologie. Halle 2007, Projekte-Verlag Cornelius GmbH,
ISBN 978-3-86634-254-5, 19,50 Euro


Jagdfieber

 

von Christa Krämer

(Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.)

Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb 2006/2007 des Projekte-Verlags 188 zum Motto „Ruhe-Stand“ und abgedruckt in der gleichnamigen Anthologie

 

Unruhig hetzt Fritz-Heinz in seiner Drei-Zimmer-Dachgeschoss-Wohnung zwischen Wohn-, Bad- und Schlafzimmer hin und her. Es ist immer die gleiche Hektik, bis er sich für seinen Wochenend-Jagdausflug bereit gemacht hat. Dabei hat Agnes, sein Weib, ihm schon vor Stunden seine Kleidung auf dem Bett zurecht gelegt. Fritz-Heinz stürmt ins Schlafzimmer, greift nach seinem doppelt gewebten Baumwollunterhemd und streift es sich über. Bevor er in seine Jagdhose mit fleecegefüttertem Nierenbereich und extra geräuscharmer Oberfläche steigt, rennt er ins Wohnzimmer zurück und sucht verzweifelt nach seinem Schlüssel für den Waffenschrank. Er weiß genau, dass er ihn, nachdem er Gewehre, Pistolen und Munition herausgeholt hatte, auf dem kleinen Glastisch hinter der Tür abgelegt hat. Jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt und Agnes muss mal wieder als Sündenbock herhalten. Ein Blick auf die Uhr verrät ihm, dass Hans-Peter, sein Sohn, bald eintrudeln wird, um ihn abzuholen.

„Herrje, dess schaff ich nie!“ sagt Fritz-Heinz und eilt zurück ins Schlafzimmer Dort schlüpft er in die Hose, zieht sich sein Winter-Karohemd und seinen dicken Wollpulli über, packt die Thermo-Überhose aus G-1000® in seinen Koffer und schließt ihn. Er denkt daran, dass er nicht vergessen darf, aus dem Keller seinen inzwischen schon recht abgewetzten Lodenmantel und seine wärmeisolierenden Fleece-Handschuhe mit abklappbarem Fäustling zu holen.

Fritz-Heinz sieht erneut auf die Uhr. „Oh Gott, wo isch jetzt bloß der Schlüssel? Der muss doch wieder in de Safe!“ bruddelt er. Auf selbstgestrickten Schurwollstrümpfen tippelt er zurück ins Wohnzimmer.

„Aua“, schreit er. Etwas hartes, kantiges bohrt sich in seine Fußsohle.

„Ja Herrschaft, wie kommt der Schlüssel denn jetzt au auf den Bode na?“ entfährt es dem Schmerzgeplagten. Er bückt sich und steckt ihn in seine Hosentasche. Dann öffnet er die Wohnungstür, greift nach seinen Jagdschuhen, schlüpft hinein und schnürt sie sorgfältig zu. Unten im Keller steht auch noch eine Tüte mit seinen Thermostiefeln mit Flauschfutter. Die muss er unbedingt mitnehmen. Der Wetterbericht hat Schnee angesagt.

Ein Auto fährt vor und Fritz-Heinz späht durch das Dachfenster.

„Jesses, der isch scho do!“

Hans-Peter steigt aus seinem jägergrünen Geländewagen und drückt zweimal kräftig auf den Klingelknopf.

„I komm, i komm!“ hallt es durchs Treppenhaus.

Gut zwanzig lange Minuten vergehen, bis Fritz-Heinz seine Jagdutensilien herbeigeschleppt und im Auto verstaut hat. Hans-Peter kommt fast um vor Ungeduld. Ein letzter Blick in den Kofferraum, dann kann es losgehen.

Seit über vierzig Jahren gehört Fritz-Heinz dem Stand der Jägersleut an. Ein altehrwürdiger Stand mit eigenem Abitur und eigenem Latein. Schon in frühester Jugend war er vom Jagdfieber befallen und träumte davon, einmal den Beruf des Försters zu ergreifen. Seine Vorfahren waren Landwirte und als Feldschütze tätig und allen lag das Jagen sozusagen im Blut. „Rhesusfaktor J“, antwortet Fritz-Heinz stets, wenn er nach seiner Blutgruppe gefragt wird. Aber eine Menge widriger Umstände sowie der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machten seinem Berufswunsch leider einen Strich durch die Rechnung. Nichts konnte ihn deshalb später davon abhalten, die schwere Jägerprüfung auf sich zu nehmen, wollte er doch unbedingt ein Jägersmann sein und vor allem in seinem Ruhestand möglichst viel Zeit in aller Ruhe im Wald verbringen.

In aller Ruhe? Welch’ ein Irrtum! Denn wer sich in dieser vornehmen Zunft einen Namen machen will, für den ist es vorbei mit den gemütlichen Tagen.

Jetzt sind es schon genau achtunddreißig Jahre, dass Fritz-Heinz, der inzwischen dreiundachtzig ist, eine eigene Jagd gepachtet hat. Ihr wisst ja nicht, was das heißt! Jagdpächter zu sein, ist kein Zuckerschlecken.

Seine Jagd liegt nicht einfach mal so um die Ecke. Jeden Freitag Abend packt er Koffer, und früher Frau und Kind, und ab geht es in den Schwarzwald. Dann wird geschuftet, das ganze liebe Wochenende lang: Hochsitze bauen, Hochsitze umstellen, Wege freischneiden, Futterhütten bestücken, Trester für die Kirrung in Fässer abfüllen. Und Kontakte pflegen! Denn jagen und hegen allein ist noch nicht des Jägersmanns höchste Zier! Nein, es gilt auch, nutzbringende Beziehungen zu den Honoratioren und sonstigen wichtigen Personen des Dorfes zu unterhalten.

Zum Beispiel zum Bürgermeister, der auch noch gleichzeitig Jagdvorstand ist. Mit ihm muss Fritz-Heinz sich gut stellen. Es bedarf schon eines einflussreichen Mannes, um die vielen Vorstellungen seine Jagd betreffend auch in die Tat umsetzen zu können.

Dann gibt es eine Reihe von Bauern, deren Felder an den Wald grenzen. Die wissen bestens Bescheid, wo es Feldhasen gibt, ein paar Wildschweine suhlen oder ein Fuchs sich herumtreibt. Smalltalk mit ihnen ist besonders wichtig. Wehe Fritz-Heinz würde einen von ihnen verärgern. Schon würde gewiss einer frühmorgens mit seinem ratternden Traktor nahe seines Hochsitzes auftauchen. Im Nullkommanix wäre es vorbei mit der Aussicht auf einen leckeren Festtagsbraten.

Auch der Sägewerksbesitzer ist ein wichtiger Mann. Ihn braucht man als günstigen Holzlieferanten für den Bau und die Ausbesserung der Hochsitze. Hie und da ein Gläschen Selbstgebrannten und einmal pro Jahr einen schönen Rehrücken sind bei diesem keineswegs fehlinvestiert.

Ja und die örtlichen Vereine. Was wäre man, wäre man nicht bei jedermann bekannt! Fritz-Heinz und Agnes vermehren deshalb seit Jahren kräftig so manches Vereinsvermögen. Das macht sich bezahlt, und sei es nur wegen der klangvollen Ständchen zu Agnes’ und Fritz-Heinz’ diversen Geburtstagen.

Sogar dem Herrn Pfarrer muss Honig ums Maul geschmiert und sein Opferkässchen kräftig gefüllt werden. Denn schließlich kann man nach einem frühen Morgenansitz unmöglich auch noch am Sonntagsgottesdienst teilnehmen. Dafür muss Hochwürden doch Verständnis aufbringen können. Sobald das Geld im Kasten klingt, der Jäger in den Wald rein springt! Wer weiß, ob der gute Mann nicht ansonsten am Ende noch den Jägernachwuchs vergrault, für den übrigens auch der Schulrektor als Werbeträger zuständig ist, weshalb sich Fritz-Heinz mit seiner Familie einst klugerweise im Schulhaus eingenistet hatte, um dem Ort des Geschehens nahe zu sein. Alles ganz schön anstrengend, nicht wahr?

Aber am anstrengendsten von allem, so Fritz-Heinz, sind die Gesellschaftsjagden, bei denen manchmal zwanzig, manchmal vierzig hungrige und durstige Mäuler gestopft werden müssen. Die Tische biegen sich unter Rehbraten und Spätzle, und Wein und Schnaps fließen in Strömen. Da muss Fritz-Heinz mithalten. Oh, ihr wisst ja nicht, wie viel Arbeit es macht, dies alles wieder zu verdauen! Vor allem jetzt im hohen Alter.

Zusammen mit Frau und Sohn führte er also viele Jahre lang einen unruhigen Doppelhaushalt: Wochentags in der Stadt und wochenends im Schwarzwald. Hans-Peter, sein Sohn, war einst leicht für des Vaters Herzblut zu begeistern. Auch er ist seit dem zarten Mannesalter von achtzehn Jahren ein Jäger. Und Agnes, die nicht von ihren beiden Männern abgehängt werden wollte, ließ sich durch nichts davon abhalten, die Kunst des Schießens zu erlernen. Wer weiß, wofür sie es mal gebrauchen konnte! Einige Zeit lang machte sie sich sogar in der Dämmerung mit auf zum Ansitz. Sie hatte es jedoch schnell heraus, wie man aus der unbequemen Kanzel eine relativ behagliche Bettstatt macht. Dort holte sie dann ihren unter der Woche versäumten Schlaf nach. Frauen auf der Jagd!

Jetzt fährt Fritz-Heinz nur noch mit seinem Sohn Hans-Peter zur Jagd. Seit ein paar Wochen sitzt er bevorzugt auf der Sternenkanzel, so genannt, weil hier drei sternförmig verlaufende Wege aufeinander treffen. Man hat den Eindruck, er wartet dort auf etwas Bestimmtes. Vereinzelt fallen Schneeflocken von den Ästen der Winterwaldbäume. Es ist kalt an diesem Morgen. Fritz-Heinz macht das nichts aus. Er ist, wie wir bereits wissen, bestens dagegen verpackt und steckt zudem noch in seinem nagelneuen Lodensitzsack, zu dessen Anschaffung ihn seine Agnes in diesem Jahr hatte überreden können. Ganz langsam bewegt er seinen Kopf nach links. Ist da vorne nicht ein Schatten? Er klappt den Wangenschutz seiner Mütze nach oben, damit er besser sehen kann. Wie in Zeitlupe hebt er sein Fernglas und späht hinaus ins Halbdunkel. Fritz-Heinz’ Herz macht einen Sprung. Endlich! In nicht mal hundert Metern Entfernung sieht er den Bock, der ihm schon ein paar Mal durch die Lappen gegangen ist. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Herrlich schussbereit steht er da, der Knabe. Vorsichtig, um das Tier nicht auf sich aufmerksam zu machen, legt er sein Fernglas ab, greift nach seinem Gewehr, entsichert, legt an, zielt und … Peng! Was war denn das? Ein Schuss, ja! aber Fritz-Heinz hat doch gar nicht abgedrückt.

„Himmel Schduagerd!“ schimpft er, als sein Bock – wieder einmal – in Windeseile erschrocken davon springt. „Wenn i den verwisch, der mir die Tour vermasselt hat“, murmelt er vor sich hin. „Der ko was erläbe! So wahr i dr Fritz-Heinz bin!“

Fritz-Heinz fällt es sichtlich schwer, sich zu beruhigen. Wutentbrannt rutscht er auf seinen drei Sitzkissen hin und her und entschließt sich angesichts der leuchtenden Morgenröte, seinen Ansitz abzubrechen.

Noch während er seine sieben Sachen, die da sind Gewehr, Pistole, Rucksack Fernglas, Taschenlampe, Sitzkissen, Hustenbonbons einsammelt, nähert sich dem Hochstand fast lautlos das Auto seines Sohnes. Hans-Peter hat ein Schmalreh geschossen. Es liegt hinten in der Wildwanne, die in einem an der Anhängerkupplung festgemachten Gitter steht. Sein Vater wird es ihm aufbrechen, das heißt die Innereien ausnehmen. Diese Arbeit liegt Hans-Peter nicht. Er sieht Fritz-Heinz mit dem Rücken zur Leiter stehen und herumhantieren.

‚Bis der jetzt wieder sein Zeug zusammengepackt hat’, denkt Hans-Peter. ‚Das kann dauern.’

Mürrisch blickt er zu seinem Vater hinauf. Geduld ist nicht seine Stärke. Doch davon braucht er eine Menge, wenn er mit Fritz-Heinz unterwegs ist. Als dieser endlich die Leiter herunterklettert, kommt es Hans-Peter vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen. Hans-Peter steigt aus und lehnt das Schmalreh an einen Baumstamm.

„Ja zum Donderwedder“, herrscht ihn sein Vater an. „Du bisch dess also gwea.“ Hans-Peter blickt ihn erstaunt an. „Was war ich? Was regsch dich denn so auf?“

„Was ich mich aufreg? Dess kann ich dir sage“, antwortet Fritz-Heinz. „Mein gude Bock, auf den i jetzt scho siebe Woche ansitz, hosch mr verscheucht, wo ich’n grad im Visier ghabt hab. Do wird doch de Hond in de Pfanne verrückt!“

Und als er Hans-Peters Beute erblickt, fährt er wütend fort: „Und was bringsch du mir? Ä lombigs Schmalreh. Ä lombigs Schmalreh“, wiederholt er zur Bekräftigung seiner Enttäuschung und wirft seinen Rucksack hinunter ins Laub.

„Schdeig mr doch in’d Dasch!“ erwidert ihm sein Sohn tonlos. „Mach jetzt, dass du von dem Sitz runterkommsch und des Reh aufbrichsch, damit mr’s in d’Wildkammer schaffe könne.“

Als Fritz-Heinz unten angelangt ist, legt er sorgfältig seine restlichen Gerätschaften neben sich ab. Er beginnt, sämtliche Taschen seiner Kleidung zu durchwühlen. Hans-Peter wird ungehalten.

„Was suchsch denn?“ will er wissen.

„Ha was scho. Mei Jagdmesser natürlich! Herrschaftszeiten, i woiß genau, dass ich’s eingschteckt hab.“

Fritz-Heinz beugt sich zu seinem Rucksack hinunter und sucht dort weiter.

„So kann mr sei Zeit auch verdue“, murmelt Hans-Peter und wendet sich schwer atmend ab. Ihn wundert es nicht, dass sein Vater in diesem Tohuwabohu nichts mehr findet.

Schließlich zieht Fritz-Heinz das Messer aus seiner Manteltasche. Er streift sich ein Paar Einmalhandschuhe über und weidet das Rehwild fachmännisch aus.

„Gib mr emol den Aufbruchbeutel rüber“, bittet er seinen Sohn.

„Wo isch der?“ fragt dieser und schaut sich suchend um.

„Ha do drübe!“ bekommt er zur Antwort.

„Wo drübe?“

„Ha do, im Rucksack“, bläfft Fritz-Heinz ihn an.

„Brauche mir den Aufbruch überhaupt?“ will Hans-Peter wissen. Ihm wäre es lieber gewesen, sie hätten die Innereien wie üblich einfach ins Unterholz geworfen.

„Ja“, erwidert Fritz-Heinz. „D’Mutter moint, sie hätt koin meh in de Gfriere.“

Hans-Peter hebt seinem Vater den geöffneten Aufbruchbeutel hin und Fritz-Heinz legt vorsichtig die dem Tier entnommenen Nieren sowie Herz und Leber hinein. Sie laden das Schmalreh wieder in die Wildwanne, steigen in den Wagen und fahren Richtung Wildkammer davon.

Fritz-Heinz kann sich den ganzen Tag über nicht recht beruhigen. Dabei ist er doch im Ruhestand und hätte der Ruhe dringend nötig. Auch während der nachmittäglichen Hegearbeiten redet er von nichts anderem, als von seinem ihm entsprungenen Bock. Nur schwer kann er sich auf das Tagesgeschäft, das Hans-Peter und er sich für dieses Wochenende vorgenommen haben, konzentrieren. Ununterbrochen bruddelt er vor sich hin. Aber es hilft jetzt ja doch nichts mehr. Schweren Herzens macht er sich daran, die Arbeitsmaterialien, die sie zum Verstellen eines Hochsitzes brauchen, zu überprüfen. Fritz-Heinz beugt sich über den Anhänger: Hammer, Nägel, Axt, Seile, Motorsäge, Sprit, Spaten und Pfosten zum Abstützen. Alles da! Zu guter Letzt packt er noch die Motorsense obenauf. Vielleicht muss am neuen Stellplatz gleich freigeschnitten werden. Das kann man nie wissen.

Den ganzen Tag über sind Vater und Sohn im Wald zugange. Nur über Mittag gönnen sie sich eine kleine Pause und stärken sich im nahe gelegenen Gasthof, der ihnen zwischenzeitlich als Jagdquartier dient, mit gebackenem Camembert und einem Glas Bier. Und wenn es seiner Figur auch nicht gut tut: Heute bestellt sich Fritz-Heinz zum Nachtisch noch ein großes Stück Schwarzwälderkirschtorte. Ein kleines Trostpflaster muss sein.

Bei Einbruch der Dämmerung beziehen beide erneut Stellung auf ihren Hochsitzen, Hans-Peter nicht weit entfernt von seinem Vater. Kaum dass er seinen Platz eingenommen hat, bewegt sich etwas in der kleinen Lichtung nur wenige Meter vor ihm. Ein Rehbock. Vaters Rehbock.

‚Dess dät mr jetzt gfalle, den zu schieße’, geht es dem Spitzbuben durch den Kopf und er lächelt verschmitzt. Aber er will seinen alten Vater nicht noch mehr verärgern. Die Jagd ist schließlich sein Ein und Alles und einen Bock zu erlegen das Größte. Davon künden nicht nur die weit über hundert Gehörne, die sein Wochenendhaus zieren. Hans-Peter hält an sich und lässt das Tier ziehen.

Fritz-Heinz indes späht ungeduldig auf die Waldwege, die sich schemenhaft vor ihm abzeichnen. Nach all den Jahren Jagderfahrung ist ihm seine innere Unruhe nicht anzumerken.

Er kann sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal gebetet hat. Aber heute hebt er vorsichtig die Augen zum sternenklaren Himmel und spricht in Gedanken: „Herr, ich weiß, du liebst alle Geschöpfe, aber wenn es dir gefällt, dann schick’ den Bock noch einmal hier vorbei. Ich verspreche dir auch, nie mehr wieder mit zweihundert Sachen über die Autobahn zu brettern.“ Schuldbewusst senkt der alte Herr den Blick. Er wartet geduldig.

Gerade als sich die Nacht endgültig auf den Winterwald senken will, sieht er seinen Bock aus dem Dickicht kommen. Stolz und hoch erhobenen Hauptes geht dieser schnurstracks auf Fritz-Heinz’ Hochsitz zu. In nur zwanzig Metern Entfernung bleibt er stehen. Sein Blick ist auf Fritz-Heinz gerichtet – zumindest sieht es so aus – und er nickt kurz, als wolle er sagen: „Hier bin ich. Ich bin bereit.“

Fritz-Heinz zögert. Ihn wird doch nicht in seinem Alter noch ein Mitgefühl für das arme Tier beschleichen?

Nur einen Augenblick wartet er ab. Dann hebt er sein Gewehr, entsichert, legt an und schießt.

Weidmannsheil!


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